| Rei Tasaki: Sehr stolz auf Landsleute |
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| Donnerstag, 14. April 2011 | |
Seit am 11. März in Japan die Erde bebte, ein Tsunami grosse Küstenteile zerstörte und es in Fukushimas Kernreaktoren zum Supergau gekommen ist, fiebert eine Frau in Küssnacht besonders mit: Rei Tasaki. avd. Die neusten Meldungen aus Japan verheissen nichts Gutes. Die japanische Nuklearsicherheitsbehörde hat am letzten Dienstag die Gefahrenstufe um Fukushima auf den Höchstwert 7 angehoben – den gleichen Wert wie Tschernobyl. Noch immer ist die Situation um die Reaktoren brenzlig. So oft wie möglich konsultiert Rei Tasaki News-Sites und internationale Fernsehkanäle im Internet, sie liest japanische Zeitungen, sie schreibt ihren Verwandten SMS und E-Mails. Rei Tasaki wuchs in Japan auf. Seit 25 Jahren lebt die Bankerin und Musikerin in der Schweiz, davon seit elf Jahren in Küssnacht. Frau Tasaki, haben Sie direkt betroffene Verwandte in Japan? Glücklicherweise nicht. Die meisten meiner Verwandten leben in Tokio. Kurz nach Ausbruch der Katastrophe am 11. März erhielt ich von meiner Schwester eine SMS, in der sie schrieb, dass bei der Familie alles in Ordnung ist. Seither sind wir in regelmässigem Kontakt. In der ersten Phase ging das nur per SMS, da das Telefonnetz ausgefallen war. Wie haben Sie die Schreckensnachricht aufgenommen? Ich war sehr geschockt. Vor allem wegen der Tatsache, dass es eigentlich drei Katastrophen auf einmal sind: Erdbeben, Tsunami, atomare Katastrophe. Haben Sie als Kind in Japan auch ein Erdbeben miterlebt? Ja, 1964 gab es in meiner Heimatstadt Niigata ein grosses Beben der Stärke 7,5. Ich war an jenem Tag gerade im Kindergarten. Wir haben Bilder gemalt, als plötzlich die Erde bebte. Der Lehrer schickte uns sofort unter die Pulte. Am Vorabend setzte übrigens meine Mutter heisses Wasser für einen Tee auf, machte aber dann doch keinen Tee. Am Tag des Bebens waren dann meine Familie und zwei Hausangestellte froh, keimfreies Wasser zu haben. Sieben Personen konnten während drei Tagen davon trinken. Noch heute setzt meine mittlerweile 78-jährige Mutter jeden Abend Wasser auf. Man weiss ja nie, wann das nächste Beben kommt. Das vorletzte grössere Beben fand übrigens 2004 in der Region Chuetsu statt, es hatte eine Stärke von 6,6 und forderte 40 Todesopfer. Zu dieser Zeit war ich öfters in Japan. Als dieses Beben die Erde erschütterte, weilte ich zufälligerweise in Japan an einem Familienfest. So waren wir uns sicher, dass es der ganzen Familie gut geht. Japan ist sich Erdbeben und Tsunamis gewohnt. Wie bereitet sich die Bevölkerung auf solche Notfälle vor? Es gibt – ähnlich wie die Luftschutzräume in der Schweiz – überall Katastrophen-Schutzorte. Das sind sichere, gut markierte Orte, wo sich die Bevölkerung zum Zweck der Evakuierung zurückziehen kann. Selbstverständlich sind alle Einwohner darüber bestens informiert. In den Büros gibt es unter jedem Tisch einen Rucksack mit Helm, Taschenlampen, Wasser und Keksen. Und wie vorhin gesagt, wird das richtige Verhalten in den Kindergärten und Schulen immer wieder geübt. Nach der Katastrophe gingen Fernsehbilder um die Welt, in denen die Japaner bei der Essensausgabe vor den Notschlafstellen ordentlich Schlange stehen. Auch das gegenseitige Helfen unter den Betroffenen hat die westliche Welt gleichermassen erstaunt und bewegt. Frau Tasaki, die Japaner scheinen sich auch in aussichtslosen Situationen wie dieser sehr ruhig zu verhalten. Warum ist das so? Natürlich hat auch die Japaner die Pa-nik erfasst. Aber nach dieser ersten, ganz natürlichen Reaktion kommt die japanische Mentalität zu tragen. Diese ist meiner Meinung nach stark vom Reisanbau geprägt. Auf den riesigen Reisfeldern ist man auf die gegenseitige Hilfe angewiesen. Inwieweit spielt die Religion eine Rolle? Auch wenn – wie in der Schweiz – die Zahl der Gläubigen in den letzten Jahren rückläufig ist, sind in Japan besonders der Shintoismus und der Buddhismus verbreitet. Alles Leben hat bei diesen Lehren den höchsten Stellenwert. Auch der Konfuzianismus ist in der Bevölkerung stark verankert. Werte wie Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit werden hochgehalten. In den letzten Tagen sind Bilder aus Japan aufgetaucht, auf denen haufenweise Tresore an den Strand gespült wurden. Trauen die Japaner den Banken nicht? Es ist weniger das Vertrauen. Seit dem zweiten Weltkrieg ist es vielen Menschen wichtig, ihr Geld auch in Notsituationen immer griffbereit zu haben. Darüber hinaus haben Japaner noch eine sehr traditionelle Einstellung zum Geld, deshalb sind Kreditkarten und Debitkarten noch nicht so gebräuchlich wie in anderen Ländern. Man will etwas Handfestes haben. Vor allem in den westlichen Industrienationen stand in den letzten Wochen die japanische Regierung unter Kritik. Sie würde die Katastrophe kleinreden, war der häufigste Vorwurf. Internationale Umweltverbände massen zudem höhere Strahlwerte, als von AKW-Betreiber Tepco und der japanischen Regierung angegeben wurde. Was halten die Japaner von ihrer Regierung? Grundsätzlich respektieren Japaner die Entscheide der Regierung. Vor allem deshalb, weil alle Entscheide nach langen Gesprächen im Parlament – und vielleicht auch in den Gremien von Tepco – getroffen werden. Es herrscht eine grosse Konsenskultur. Bezogen auf die jetzige Katastrophe könnte natürlich diese Konsenskultur auch zur Folge haben, dass sich Entscheidungen hinausgezögert haben. Es ist aber im Nachhinein immer einfacher, etwas zu kritisieren. Was muss jetzt geschehen? Das lässt sich auf zwei Bereiche aufteilen: die betroffenen Personen und die betroffenen Atomreaktoren. Bei den betroffenen Personen gilt es um Direkthilfe. Noch immer sind Tausende in Turnhallen und Mehrzweckgebäuden untergebracht, auf engem Raum und mit knappen Wasser- und Nahrungsreserven. Darüber hinaus gilt es, psychologische Betreuung sicherzustellen. In einem zweiten Schritt muss dringend Wohnraum geschaffen werden. Drittens gilt es, den Stellenmarkt zu stabilisieren, damit die Menschen so gut wie möglich wieder ein normales Leben führen können. Beim betroffenen Atomkraftwerk muss man sich zuerst darauf konzentrieren, dass man es ohne grosse Gefahr abschalten und stilllegen kann. Erst dann sind die Köpfe frei für Analysen, konstruktive Kritik und weitere Schritte. Was braucht es sonst noch? Vor allem Geduld. Häuser und Strassen sind schnell wieder aufgebaut. Ich war fünf Jahre nach dem Erdbeben in Kobe wieder in dieser Stadt. Und ich habe gestaunt, wieviele neue Gebäude inzwischen aufgebaut wurden. Die Bevölkerung in Japan ist stark in Gemeinschaften gegliedert. Bei Erdbeben werden diese aber sehr zersplittet. Zudem verheilen die psychischen Narben bei jedem Einzelnen sehr langsam. In der Schweiz wird nicht erst seit der Katastrophe in Fukushima über Sinn und Unsinn von Atomkraftwerken debattiert. Wie sieht es in Japan aus? Die Diskussion ist auch in Japan nicht neu. Sie wird immer dann neu entfacht, wenn es Unfälle in der übrigen Welt gibt oder wenn es in Japan ein Erdbeben gibt. In Japan stellt die Atomkraft rund 30 Prozent des gesamten Energiebedarfs dar. Diese mit alternativen Energien zu ersetzen, ist global eine grosse Herausforderung. Schliesslich will fast niemand wie im Mittelalter leben. Wie erleben Sie die Solidarität und das Mitgefühl in der Schweiz und generell im Ausland? Das Mitgefühl ist überwältigend und gibt uns Exil-Japanern als auch den Betroffenen viel Kraft. Ich glaube, auch weil Japan ein hochindustrialisiertes Land ist, sitzt der Schock so tief und ist die Anteilnahme aus europäischen Ländern und den USA besonders gross. Wie fühlen Sie mit den Betroffenen mit? Nicht nur ich, alle Japaner, die im Ausland leben, sind sehr stolz auf unsere Landsleute. Wir sind mit all unserer Kraft bei ihnen. |
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